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Mit echtem Leder in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung?

Ledertasche im Gras

Nachhaltige Entwicklung hat sich zum Modewort unserer Zeit entwickelt und wird häufig mit modernen Kreislauf- und innovativen Energieversorgungssystemen sowie neuartigen Materialentwicklungen in Verbindung gebracht. Leder – ein so altes wie auch polarisierendes Material – ist in diesem Zusammenhang sicher nicht die naheliegendste Assoziation. Es stellt sich die Frage: Kann Leder in Zeiten von Massentierhaltung und einer beträchtlichen Nachfrage nach Produkten wie bunten kunststoffveredelten Lederhandtaschen beim Discounter überhaupt „nachhaltiger“ produziert werden? Und: Gibt es sinnvolle Alternativen?

Lange bevor Baumwolle zu Garn gesponnen und die Jeans zu einem der populärsten Kleidungsstücke überhaupt wurde, haben Menschen Kleidung und Werkzeuge aus tierischen Häuten und Fellen hergestellt. So zeigen Verzierungen auf einem Sarkophag der alten Ägypter aus dem 4. Jahrtausend vor Christus bereits Gerberszenen. Und auch der alte Ötzi trug Gürtel und Lendenschurz aus Leder. Handelte es sich damals noch um einen zwar langwierigen, aber durch den Einsatz natürlicher pflanzlicher Stoffe oder Urin weitgehend umweltverträglichen Produktionsprozess, so hat sich die Lederproduktion heute zu einem weltweit vernetzten, komplexen und ökologisch teilweise problematischen Industriezweig entwickelt. Denn obwohl gerade sein natürlicher Ursprung und die Einzigartigkeit von Oberflächenbeschaffenheit und Haptik als Verkaufsargument genutzt werden, sind für die Herstellung von Leder meist große Mengen Chemikalien nötig, die besonders während der Produktion Mensch und Umwelt gefährden können. Dies hängt auch mit dem wachsenden Anspruch an Widerstandsfähigkeit, Oberflächenveredelung und Homogenität zusammen. Zwar gibt es auch Nischenanbieter, die weiterhin mit ursprünglichen Verfahren, häufig regional und einem geringeren Einsatz von problematischen Chemikalien Leder produzieren. Jedoch können derartige Leder verfahrensbedingt meist nicht die zunehmenden Ansprüche an Eigenschaften wie Lichtbeständigkeit, Wasserdichtigkeit und Farbvielfalt erfüllen.  

Lange und schmutzige Lieferketten

Bevor wir im Laden die Lederschuhe kaufen können, hat das beliebte Material einen langen Weg hinter sich. Nicht selten wird die Kuh, von der das Leder stammt, in Ländern wie Brasilien aufgezogen, bevor die Rohhaut in Bangladesch oder Indien weiterverarbeitet wird und schließlich in China den letzten Produktionsschritt durchläuft. Dabei werden in den etwa 20 Arbeitsschritten eines klassischen Gerbprozesses, je nach nationalem Standard und verfügbarer Technologie, in der Regel bis zu 20 kg teils bedenklicher Chemikalien eingesetzt – und das für die Haut einer einzigen Kuh. Für die Produktion von 200 kg handelsüblichen Leders fallen etwa 50.000 Liter Abwasser an, die das lokale Ökosystem abhängig von den Aufbereitungsmöglichkeiten enorm belasten können. Umweltorganisationen wie Südwind oder Inkota machen immer wieder auf die unzureichenden Arbeitsbedingungen und prekären Produktionsprozesse aufmerksam, bei denen Abwässer unkontrolliert in nahegelegene Flüsse geleitet werden oder Arbeiter ihre Tätigkeit ohne jegliche Arbeitsschutzmaßnahmen knietief in Chemikalien stehend verrichten. Auch die im Massenmarkt meist sehr weiten und verzweigten Lieferwege über Klimazonen hinweg erzeugen nicht nur viel CO2, sondern erfordern zusätzliche Chemikalien zum Schutz vor Pilzen, Keimen und Verrottung einzusetzen.

Der Weg zu „sauberem Leder“ ist kompliziert

Dabei muss die Produktion von Leder nicht zwangsläufig zu den genannten sozialen und ökologischen Problemen führen. Moderne Technologien, strengere Kontrollen, geschulte Facharbeiter und Transparenz in Bezug auf Chemikalien und Lieferwege können konzertierte Maßnahmen sein, die die Belastungen für Umwelt und Mensch drastisch reduzieren könnten. Doch genau hier liegt eine der Hürden im Hinblick auf eine nachhaltige Entwicklung. Die Lederlieferketten sind außergewöhnlich komplex, intransparent und dynamisch. Neben global agierenden Chemiekonzernen und Großgerbereien hängen an dieser Kette häufig unzählige Klein- und Kleinstbetriebe, deren Prozesse undurchsichtig sind. Maßnahmen in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung stehen dabei häufig in unmittelbarem Kontrast zur steigenden Nachfrage nach billiger Massenware und enormem Kostendruck. Gleichzeitig gerät diese wirtschaftlich bedeutsame und gewinnorientierte Branche durch Innovationen im Bereich Kunstleder und ein wachsendes Umweltbewusstsein in der Bevölkerung in Bedrängnis. Global gesehen beläuft sich ihr jährlicher Umsatz auf rund 80 Milliarden US-Dollar. Alleine China stellt, als größter Produzent von sogenanntem Flächenleder, jährlich etwa 234 Millionen m² Leder her [1]. Leder ist heute nicht mehr nur Luxusgut, sondern hat sich daneben zur Discounter-Ware entwickelt, die für jeden verfügbar und erschwinglich sein soll. Die Schuhindustrie stellt hier eine Kernbranche dar. Bei mehr als der Hälfte der weltweit aus Flächenleder produzierten Waren handelt es sich um Schuhe. Optimierungen der globalen Lederlieferketten in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung erfordern daher stets einen Systemblick, der wirtschaftliche, soziale und ökologische Wechselwirkungen berücksichtigt.

Ein „falsches“ Bild von Leder

An diesem Discounter-Schuhmarkt wird eine weitere Schwierigkeit auf dem Weg hin zu einer „nachhaltigen“ Lederlieferkette deutlich. Erwartungen, die die Industrie Verbrauchern zuschreibt, haben dabei eine enorme Auswirkung auf das tatsächliche Angebot. Wie selbstverständlich wird Leder als robustes, UV- und wasserbeständiges Material mit homogener Oberfläche und unbegrenzten Farb- und Gestaltungsmöglichkeiten beworben. Was technisch grundsätzlich möglich ist, erfordert in der Herstellung den Einsatz einer Fülle von Chemikalien und Oberflächenveredelungen, die ein weiteres human- und ökotoxikologisches Problem darstellen können. Um den natürlichen Eigenschaften von Leder – wie Unregelmäßigkeiten und Veränderungen in Farbe und Beschaffenheit oder Reaktionen auf Sonneneinstrahlung und Wasserkontakt – entgegenzuwirken, wird Leder in der Regel mit einer Kunststofffolie überzogen, unter Zuhilfenahme mitunter toxischer Farbstoffe gefärbt und weiteren chemischen Prozessen unterzogen. Zwar inszenieren manche Hersteller die einzigartige Struktur und Patina von Leder, die das Produkt individueller machen soll, bewusst, jedoch wird Leder immer häufiger als standardisierte Flächenware verwendet, die chargenweise über gleichbleibende ästhetische Eigenschaften verfügen soll. So wird etwa von einem Autoledersitz erwartet, dass er nach zehn Jahren täglicher Beanspruchung und Kontakt mit UV-Strahlung, Körperschweiß und Temperaturwechseln noch nahezu neu aussieht. Der Einsatz von Chemikalien im Automobilleder reicht soweit, dass selbst der typische Ledergeruch künstlich erzeugt wird. Und wer heute klassische Lederschuhe oder gar exklusive Handtaschen im hochpreisigen Segment erwirbt, hält Oberflächenabweichungen und Spuren durch Umwelteinflüsse wohl eher für Produktionsfehler als für genuine Materialeigenschaften. Hersteller, die besonders hohen Nachhaltigkeitsansprüchen Rechnung tragen wollen, geraten daher häufig in den Konflikt zwischen Kundenerwartungen und den individuellen Eigenschaften des Naturmaterials. Denn wird Leder nicht einer intensiven chemischen Prozedur unterzogen, ist es ein Naturprodukt, das eben jene Unregelmäßigkeiten und Gebrauchsspuren aufweist, wie es Hölzer auch tun. Es verfärbt sich bei Sonneneinstrahlung und Wasserkontakt, bekommt Spuren von mechanischer Belastung und passt sich an die Beanspruchung und Verformung auf Dauer an.
Inwiefern dieses Erscheinungsbild als attraktiv wahrgenommen wird, hängt von Design und Vermarktung ab sowie den daraus resultierenden Erwartungen der Konsumenten.

Kunstleder als Alternative?

Sogenanntes Kunstleder, das sind vor allem lederimitierende Kunststoffe, verzeichnet seit Jahren einen kontinuierlichen Nachfragezuwachs. Seine ästhetischen und technischen Materialeigenschaften gleichen sich dabei immer stärker an die von echtem Leder an. Experten meinen gar, dass es in absehbarer Zeit Kunstledersorten geben wird, die – sowohl ästhetisch als auch in Bezug auf ihre technischen Eigenschaften, wie etwa die mechanische Abriebfestigkeit – echtes Leder vollumfänglich ersetzen könnten. Ob das eine „nachhaltige“ Lösung darstellt, ist fraglich. Zwar ließen sich einige Anwendungsfelder von echtem Leder durch Kunstleder kostengünstiger und auch ökologisch vertretbarer ersetzen – da nämlich, wo Kunstleder dem Wertstoffkreislauf kontrolliert und sortenrein wieder zugeführt werden und es die technischen und ästhetischen Anforderungen an das Einsatzgebiet erfüllen kann. Die Verwendung im Massenmarkt der Schuhindustrie, mit besonders hohen Ansprüchen an mechanische Belastung, erscheint hier zunächst ineffizient. Und grundsätzlich birgt ein flächendeckender Ersatz von Kunstleder als Ersatz für „echtes“ Leder aus heutiger Sicht und bei gleichbleibenden Konsumweisen zahlreiche Nachteile.

Da wären zunächst die globalen volkswirtschaftlichen Konsequenzen. Indien, Bangladesch und andere ostasiatische Staaten sind wirtschaftlich stark von der Lederbranche abhängig. Und solange weiterhin Fleisch und Milch konsumiert werden, bleiben Kuhhäute ein verwertbares Restprodukt. 

Neben dieser makroökonomischen Sicht gibt es zudem ökologische Aspekte, die Kunstleder als geeignetes Substitut in Frage stellen. So besteht Kunstleder letztlich meist aus Polyurethan, das ebenfalls – wie auch echtes Leder – nur mittels zahlreicher Zusätze die gewünschten Materialeigenschaften aufweist. Vor allem vor dem Hintergrund des gegenwärtigen Diskurses zu Plastikinseln in den Meeren, Mikroplastik in Fischgeweben und Nanoplastik in der Arktis erscheint Kunstleder daher als eine paradoxe Lösung.  Darüber hinaus ist zu bedenken, das Kunstleder aus Polyurethan oder anderen Kunststoffen ein erdölbasiertes Material ist und somit nicht erneuerbare Rohstoffressourcen verbraucht. Demgegenüber stellt echtes Leder zumindest zurzeit ein Material dar, dessen Hauptbestandteil in aller Regel als Nebenprodukt einer bestehenden Lieferkette angesehen werden kann. Obgleich diese Verfügbarkeit unmittelbar von der globalen Konsumweise in Bezug auf Fleisch und Milch abhängig ist, erscheint diese trotz Veggie-Trend und Tierwohl-Debatte aus globaler Sicht zumindest zunächst gesichert.

Korkleder und Co.

Dann wären da noch Lederalternativen aus Ananas, Hanf, Kork oder Weinblättern. Jedes dieser Materialien kann unter bestimmten Voraussetzungen ökologische Vorteile gegenüber den Ledermassenwaren bringen. Doch im Hinblick auf systemisch verstandene Prozesse in Richtung nachhaltiger Entwicklung sind diese Lederalternativen nur dann ernst zu nehmen, wenn ihr Einsatz im Gesamtsystem längerfristig positive Effekte erzielen würde. Dies bezieht sich auf die oben beschriebenen global-ökonomischen Effekte ebenso wie auf pragmatisch-technische Aspekte. So sind Kork oder Ananas ein ästhetisch sinnvolles Material für einige Einsatzbereiche und können sich positiv auf die Ökobilanz des Produktes auswirken. Als Komplettersatz für einen Markt, der jährlich einige Millionen Quadratmeter Flächenleder produziert, eignet es sich jedoch nicht, ohne globale Rebound-Effekte, also unerwünschte Wechselwirkungen auf sozioökonomischer und ökologischer Ebene, zu erzeugen. Gegen den Flächeneinsatz sprechen zudem mechanische Ansprüche, die sich beispielsweise bei Schuhen, Sätteln oder Sitzbezügen ergeben und denen das Naturmaterial nicht standhalten kann. Dennoch sollte bedacht werden, dass Lederalternativen aus Ananas, Kork und vielen weiteren Grundstoffen aus ästhetischer Sicht besondere Qualitäten besitzen, die für die Fashionbranche als Nische durchaus relevant sind. Dies veranschaulichen seit einigen Jahren immer wieder Formate wie etwa die Ethical Fashion Show in Berlin (heute Neonyt).

Geht es Leder ans Leder?

Geht man davon aus, dass die globalen Konsumweisen in Bezug auf Fleisch- und Milchverbrauch auch in den kommenden Jahrzehnten keine drastischen Veränderungen durchlaufen werden, so ist zu erwarten, dass die hieraus erzeugten Nebenprodukte weiterhin Potentiale der Wertschöpfung für den Markt darstellen. Auch in Ermangelung tatsächlich „nachhaltiger“ Alternativen wird Leder wohl auch zukünftig eine relevante Rolle in der Schuh-, Bekleidungs- und Polsterindustrie einnehmen. Unklar ist jedoch, inwiefern die Lederlieferketten „nachhaltiger“ gestaltet werden können. Während die Lebensmittelbranche und auch die Textilbranche Themen wie Transparenz der Inhaltsstoffe, Rückverfolgbarkeit in den Lieferketten und Information von Verbrauchern in den letzten Jahren verstärkt adressiert haben, hinkt die traditionsträchtige Lederbranche bei einigen Aspekten einer nachhaltigen Entwicklung noch weit hinterher.

Festzuhalten ist, dass es zwar ein kompliziertes, gleichzeitig aber dringend notwendiges Unterfangen ist, die Lederlieferkette „nachhaltiger“ zu gestalten. Dies kann nur mit Bezug zum Gesamtsystem Leder und unter Einbeziehung relevanter Akteure entlang der Lieferkette erfolgreich geschehen. So bedarf es zunächst eines gemeinsamen Verständnisses der Herausforderungen, um anschließend effektive Lösungsansätze unter Berücksichtigung der verschiedenen Anreize und Hemmnisse zu entwickeln.

Systeminnovation für eine nachhaltigere Lederchemie

Einen Versuch dazu unternimmt die Hochschule Darmstadt im Rahmen des forschungsbasierten Transferprojektes Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung (s:ne). Hier hat das Projektteam mittels eines Szenarioprozesses mit zahlreichen Akteuren aus der Lederlieferkette und angrenzenden Gebieten einen langfristigen Prozess angestoßen, der ausloten soll, wie sich die Lederbranche bis 2035 ausrichten muss, um die Nachhaltigkeitsziele (SDGs) der Vereinten Nationen (Agenda 2030) erreichen zu können. Im weiteren Verlauf dieses Prozesses entstanden vier Teilprojekte, die Impulse für „nachhaltigere Lederchemie“ entlang der Lieferketten setzen sollen: Erstens sollen die bereits etablierten Standards für die Produktion von Leder und Lederprodukten untersucht und nach Möglichkeit vereinheitlicht werden. In einem weiteren Teilprojekt soll untersucht werden, welche technischen, organisatorischen und rechtlichen Mittel genutzt werden können, um Informationen – vor allem bezüglich eingesetzter Chemikalien – entlang der Lederlieferkette weiterzugeben und zurückzuverfolgen. Parallel hierzu befasst sich ein Teilprojekt mit der Herausforderung, nachhaltigere Lederhilfsmittel wie beispielsweise Gerbstoffe zu entwickeln bzw. die Prozesse hierfür zu optimieren. Ein viertes Teilprojekt analysiert ergänzend hierzu Kriterien und Eigenschaften von „nachhaltiger“ hergestelltem Leder und erarbeitet und sammelt in Form einer Leitlinie Design- und Konstruktionstechniken, die dazu beitragen sollen, die spezifischen Eigenschaften von einem solchen „nachhaltigen Leder“ bewusst zu nutzen und zu inszenieren. Die genauen Inhalte und Lösungsstrategien dieser Teilprojekte entwickeln aktuell Vertreter der Lederlieferkette gemeinsam mit der Hochschule Darmstadt.

Weitere Informationen zum Projekt sind auf der s:ne Website zu finden.

Autor: Dr. Jonas Rehn
Designforscher im Projekt s:ne der Hochschule Darmstadt

Mehr Informationen:

Vegane Lederalternativen:

Leder in der Kritik:

[1] Macianà, Patrizia (2015): World Statistical Compendium for Raw Hides and Skins, Leather and Leather Footwear 1998-2014. Food and Agriculture Organization of the United Nations. Market and Policy Analyses of Raw Materials, Horticulture and Tropical (RAMHOT) Products Team. Italien: Rom.

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