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s:ne atF Symposium 2019

© Schader Stiftung

Ein Beitrag von Sandra Müller (s:ne)

Nach eineinhalb Jahren Laufzeit im Vorhaben „Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung“ – kurz s:ne – fand am 25. Juni das erste „s:ne atF Symposium“ in der Schader-Stiftung statt. Idee der Veranstaltung: Einmal im Jahr tauschen sich Akteure aus dem Kreis der nationalen und internationalen tF Community zu einem Schwerpunktthema über ihre Praxiserfahrungen aus.

Das Symposium will damit für diejenigen ein Forum sein, die aus der anwendungsorientierten Perspektive eine gemeinsame Wissensbasis aufbauen möchten, um erfolgreich Veränderungsprozesse in Richtung Nachhaltige Entwicklung zu gestalten. Im Mittelpunkt des ersten Symposiums stand die Kernfrage, wie ein Momentum für gesellschaftliche Veränderungsprozesse Richtung der Sustainable Development Goals (SDGs) entsteht.

Vor welchen Herausforderungen steht die transformative Forschung (tF)?

In einer kurzen Einführung sprach Karin Wolf, stellvertretende Vorsitzende des Stiftungsrats der Schader-Stiftung, vor rund 75 Teilnehmern des Symposiums über die Herausforderungen der transformativen Forschung. Sie zitierte hierfür Uwe Schneidewind, Präsident und wissenschaftlicher Geschäftsführer am Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH.

„Die transformative Wissenschaft, bezeichnet eine Wissenschaft, die gesellschaftliche Transformationsprozesse nicht nur beobachten und von außen beschreiben will, sondern diese Veränderungsprozesse selber mit anstößt und katalysiert und damit als Akteur von Transformationsprozessen über diese Veränderungen lernt.“

In diesem Sinne brauche es daher angesichts der massiven globalen Herausforderungen Ansätze, die von erlernten Routinen abweichen. Die Referentin erklärte, dass sich derartige Projekte immer wieder mit Fragestellungen auseinandersetzen müssen wie:

  • Wie muss Forschung gestaltet sein, um Veränderungen anzustoßen?
  • Wie kann Wissenschaft reale gesellschaftliche Probleme möglichst zielorientiert bearbeiten und Lösungen für die drängendsten Herausforderungen dieser Zeit finden?
  • Wie können außeruniversitäre Akteure effektiv in die Problemdefinition und die Ausarbeitung der Lösung eingebunden werden?
  • Wie bemisst und reflektiert sich die atF immer wieder neu an den wissenschaftlichen Prinzipien der Grundlagenforschung und findet ihre Bindung?

Systeminnovationen für Nachhaltige Entwicklung & Transment

Prof. Dr.  Arnd Steinmetz, Vizepräsident der Hochschule Darmstadt, nahm den Ball auf, um noch tiefer in die Materie einzusteigen. Er berichtete über die zahlreichen Transferformate der Hochschule und über die neuen Möglichkeiten, die sich aus dem Bund-Länder-Förderprogramm „Innovative Hochschule“, in dem die Hochschule mit dem Antrag „Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung“ erfolgreich war, ergeben. Er stellte die Merkmale von Systeminnovationen vor, die aus einem Zusammenspiel von sozialen, technischen und organisationalen Innovationen entstehen. Jeweils unterstützt durch veränderte institutionelle Rahmenbedingungen – und zwar sowohl durch formale als auch informale Elemente. Die Besonderheit in s:ne sei, dass es aus einem Problemimpuls heraus darum gehe, einen solchen Prozess proaktiv zu initiieren. Dies sei nur in einem partizipativen Prozess möglich. All diese Aspekte seien laut Steinmetz mit zu bedenken und zu gestalten, damit Veränderungsprozesse in Richtung Nachhaltige Entwicklung entstehen können.

© Schader Stiftung

Funktionieren könne das jedoch nur, wenn die relevanten Akteure ihre eigenen Systemgrenzen überschreiten und sich aus ihren gewohnten Routinen heraus begeben, ihre Komfortzonen verlassen. Das heißt, sie müssen über das, was gesellschaftlich akzeptiert ist, hinausgehen. Er betonte den Akteur-zentrierten Ansatz. Es sei wichtig zu überlegen was, ausgehend von einer Problemstellung, benötigt wird, um zum Ziel zu kommen und nicht umgekehrt – d.h. ausgehend von einer vorhandenen Technologie ein passendes Problem zu finden.

Aber wie entsteht nun dieser Veränderungsprozess in Richtung Nachhaltige Entwicklung? In s:ne handelt es sich um einen rekursiven Transferprozess, der einen forschungsbasierten Ideen-, Wissens- und Technologieaustausch mit hochschulexternen Akteuren aus Wirtschaft, Wissenschaft, Politik und der Zivilgesellschaft beinhaltet. Dieser Transferprozess erfolgt 3-stufig wie folgt:

  • Stufe A: Gemeinsames Problemverständnis entwickeln & konkrete Transferfrage formulieren.
  • Stufe B: Konkrete Lösung mit Systeminnovation entwickeln und in kleinem Rahmen ausprobieren.
  • Stufe C: Verbreitung in Gesellschaft und Wirtschaft herbeiführen.

Stufe A und B laufen im Rahmen eines sogenannten „Transments“ ab. Es handelt sich hierbei um Experimetierräume, in denen die beteiligten Personen die eben genannten Stufen durchlaufen. „Transment“ ist ein Kunstwort bestehend aus Transfer, Transdisziplinarität, Transformation und Experiment. Es ginge darum, die Ergebnisse aufgrund eines Problemimpulses gemeinsam zu entwickeln und dann in die Umsetzung zu bringen. Wichtig hierbei sei laut Steinmetz die Unterscheidung von Gewinn und Zwang. Zum einen können Anreize eine förderliche Wirkung zeigen. Auf der anderen Seite können (veränderte) rechtliche Rahmenbedingungen bei der Umsetzung helfen.

Zusammenfassend müssen wir laut Steinmetz eine gemeinsame Sprache für Forschung, Wirtschaft und Gesellschaft finden, müssen eine gemeinsame Problemdefinition entwickeln sowie ein gemeinsames Verständnis für die Bedürfnisse und Möglichkeiten der Akteure entwickeln – diesen Ansatz verfolgt s:ne. Wie das funktioniert zeigt dieser Film:

Fokus Erfahrungsaustausch zu methodischen Herausforderungen

Ziel der dann folgenden Werkstattgespräche war das gemeinsame Weiterdenken, das Vergleichen, was sich in der Praxis bereits bewährt hat, das Aufdecken von Wissenslücken und das alles mit Fokus auf den methodischen Herausforderungen. Dafür gaben zahlreiche Impulsgeber in den Werkstattgesprächen Einblick in ihre Forschungs- und Transferprozesse.

So berichteten beispielsweise:

  • Prof. Dr. Edgar Kreilkamp von der Leuphana Universität Lüneburg über Nachhaltigen Tourismus: Green Travel Transformation
  • Dr. Silke Kleihauer, Projektleiterin von s:ne über Marktchancen für „nachhaltigere Chemie“ durch die REACH-Verordnung
  • Patrick Mayregger, Bergische Universität Wuppertal über Logistische Optimierung der City-Belieferung mit Lastenrädern (LOOP)
  • Simon Möller und PD Dr. Michael Schneider, Ludwig-Maximilians-Universität München über Zwickauer Energiewende Demonstrieren: Auf dem Weg zum Null-Emissions-Quartier
  • Prof. Dr. Michael Hiete, Universität Ulm über das Thema „Vom Klimaschutzkonzept zur zielgruppenorientierten Sanierungsoffensive“

Gemeinsam gingen die Teilnehmer auf der Grundlage dieser Impulse der Frage nach, welches die wesentlichen methodischen Herausforderungen sind, Systeminnovationen für Nachhaltige Entwicklung auf den Weg zu bringen und sammelten die für sie wichtigen Erkenntnisse.

© Schader Stiftung

Vertrauensvolle Beziehungen – nur einer der wesentlichen Erfolgsfaktoren

Über den gesamten Tag hinweg bestand ein reger Austausch. Auch aus der Fischbowl-Diskussion, moderiert von Dr. Christoph Ewen, Team Ewen, und mit Experten wie Prof. Dr. Dr. Martina Schäfer, Zentrum Technik und Gesellschaft, Technische Universität Berlin, Prof. Dr. Benjamin Nölting, Hochschule für Nachhaltige Entwicklung Eberswalde, und Lena Bendlin, Deutsches Institut für Urbanistik, konnten die Teilnehmer viele Denkanstöße und Ideen mitnehmen. Was kann bei derartigen Projekten übertragbar sein? Welche unterschiedlichen Rollen haben die Projektakteure im Zeitverlauf inne? Konkret – inwieweit braucht es nur Wissenschaftler oder ist das Profil des Moderators oder Projektleiters mit hoher Kommunikationskompetenz und politischem Geschick ein wesentlicher Erfolgsfaktor?

Zudem seien vertrauensvolle Beziehungen zwischen Wissenschaft und Praxis essentiell. Ein weiterer wesentlicher Aspekt war eine gemeinsame Vision mit Praxisakteuren, wie diese entstehen kann, in welcher Form man dafür ein vertieftes Problemverständnis benötigt und wie entwickelt sich daraus eine Zielorientierung, die alle Akteure mittragen. Und daraus resultierend – wie kann hier eine gemeinsame Forschungs- bzw. Transferfrage weiterhelfen?

Dabei Stand auch die Frage im Raum, inwieweit man es schaffe die Ziele im Prozess im Blick zu halten und wann und wie sich Ziele im Prozess auch verändern könnten. Dies beschäftigt auch die Projektgruppe in s:ne.

Silke Kleihauer, Hochschule Darmstadt, Projektleiterin von s:ne, resümiert: „Wenn wir Veränderungsprozesse aktiv gestalten wollen, benötigen wir für die Entwicklungsphase der Lösungsoptionen Indikatoren, anhand derer wir den Prozess ausrichten können. Wir benötigen aber auch Kriterien, die uns Helfen rebound Effekte zu vermeiden und wir brauchen in der Erprobungsphase ein Monitoring, um die Lösungsoptionen nachzujustieren.“

s:ne atF Symposium 2020 – Ausblick

Daher greift das nächste atF Symposium diese Fragestellungen für den Erfahrungsaustausch mit der tF Community auf. Wie erfolgt in anderen Projekten die Definition der Ziele? Was sind Erfahrungen darüber, wie konkret oder abstrakt diese definiert sein sollten und wie flexibel? Wie übersetzt man Ziele in geeignete Kenngrößen und welches Projekt-Design ist hilfreich, um bei den Beteiligten die Bereitschaft zu wecken und zu erhalten, ihre Beiträge an den gemeinsam formulierten Zielen auszurichten?

Mit diesen Fragen lädt die Hochschule Darmstadt bereits heute zum atF Symposium 2020 am 19. März ein.


Hintergrund „s:ne“ – Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung
Wie können Darmstadt und Region nachhaltiger werden? Das an der Hochschule Darmstadt angesiedelte Projekt „s:ne“ möchte hierzu als Innovationsmotor beitragen. Ziel von s:ne ist es, mit Menschen aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung, Wissenschaft und Bürgerschaft neue Wege hin zu einer Nachhaltigen Entwicklung einzuschlagen. Entwickelt werden sollen hierbei Lösungen zu aktuellen Herausforderungen wie etwa Klimawandel, Verkehrswende oder Schadstoffe in Alltagsprodukten und deren globale Lieferketten. Die h_da verknüpft hierfür ihr wissenschaftliches Know-how mit dem Wissen der Praxispartner.  Mit dem s:ne-Konzept war die h_da in der Bund-Länder-Förderlinie „Innovative Hochschule“ erfolgreich: Vom BMBF erhält sie von 2018-2022 eine Fördersumme von jährlich etwa 2 Millionen Euro. Partner im Projekt sind das Darmstädter Institut Wohnen und Umwelt (IWU), das Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE), das Öko-Institut, die Schader-Stiftung, die Software AG und die Unternehmensberatung „e-hoch3“. Weitere Informationen finden Sie hier.


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