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Dialog zur Wärmewende in Darmstadt

Quelle: Schader-Stiftung

Wie gelingt ein klimaneutraler Gebäudebestand in und um Darmstadt – um diese Frage ging es in der Abschlussveranstaltung des Forschungsprojekts „Interaktive Wärmenetze“, zu der die Hochschule Darmstadt (h_da) und die Schader-Stiftung am 16. November 2022 ins Schader-Forum eingeladen haben. Das Projekt gehört zum Vorhaben „Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung“ (s:ne).

Prof. Dr. Martin Führ, Leiter des Teilprojekts „Interaktive Wärmenetze“, erläuterte einführend, dass die Klimaschutzziele sich nur erreichen lassen, wenn die Wärmewende auch im Altbaubestand gelingt. Die Veranstaltung wollte dazu Impulse setzen; bildhaft gesprochen „Steine in das Wasser werfen“, um Veränderungsprozesse anzustoßen. Der Abend begann mit drei Impulsvorträgen aus der Praxis von Dr. Patrick Voos (Leiter des Amtes für Klimaschutz und Klimaanpassung), Harald Meyer (Wissenschaftlicher Mitarbeiter der h_da) und Heike Böhler (Projektleiterin bei der hessischen Landesenergieagentur (LEA)). Anschließend bestand an Inseltischen die Möglichkeit, sich untereinander und mit den Fachleuten auszutauschen.

Impuls 1: Klimaschutzplan 2035 – Fokus Wärmewende in der Wissenschaftsstadt Darmstadt

Abbildung 1: Vortrag von Dr. Voos, Amt für Klimaschutz und Klimaanpassung (Quelle: Schader-Stiftung)

Dr. Patrick Voos zeigte, wie Darmstadt aktuell bei der Erreichung der Klimaziele abschneidet und welcher Änderungen es noch bedarf. Mit dem Klimaschutzplan 2035 der Stadt Darmstadt entsteht ein gesamtheitliches Konzept, welches die Koordination der Maßnahmen in verschiedenen Bereichen (kommunale Klimaschutzmaßnahmen, Konsumwende, klimagerechte Mobilität, Energie- und Wärmeversorgung der Zukunft) ermöglicht. Die Planung kann auch neue Synergien mit den umliegenden Kommunen aufzeigen und dadurch Kooperationsmöglichkeiten schaffen. Alle Maßnahmen sollen Treibhausgasemissionen reduzieren. Dazu gehört zukünftig auch eine Wärmeleitplanung der Kommune. Sie zielt darauf ab, insgesamt eine klimaneutrale Wärmeversorgung zu erreichen. Eine hierfür etablierte Projektgruppe erarbeitet entsprechende Vorschläge zusammen mit dem Stadtplanungsamt, dem Immobilienmanagement der Wissenschaftsstadt Darmstadt, LEA Hessen und mit dem Bauverein Darmstadt. Der Prozess befindet sich noch in den Anfängen – die erforderlichen Daten werden noch gesammelt und der Auftrag, die Wärmeleitplanung zu erarbeiten, ist für den Anfang des Jahres 2023 vorgesehen.

Weitere Akteure aus Wissenschaft und Privatwirtschaft bilden dann in der zweiten Phase der Wärmeplanung sogenannte „Facharbeitskreise“, welche dann zusammen mit Vertreter*innen aus der Zivilgesellschaft, Verbänden und dem Landkreis kooperieren sollen. Für die Wärmeplanung sind mehrere Phasen vorgesehen; sie reichen von Bestandsaufnahme der aktuellen Wärmeversorgung und die dabei identifizierten Verbesserungspotentiale, über die Entwicklung von Szenarien und Umsetzungskonzepten, die idealerweise auf Quartiersebene angesiedelt sind, bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit. Im Hinblick auf die Wärmeversorgung sei letztlich eine „Infrastrukturwende“ erforderlich, da sich nur über den schrittweisen Aufbau von Netzen in den Quartieren die Klimaschutzpotentiale erschließen lassen. Angesichts begrenzter finanzieller Mittel und personeller Kapazitäten seien Prioritäten zu setzen.

Abbildung 2: Themenkarte
Abbildung 3: Wärme-Prosuming-Beispiele in Darmstadt (Quelle: Schader-Stiftung)

Impuls 2: Ideenkarte zur Wärmewende in Darmstadt

Konkrete technische Lösungen für eine Wärmewende in Darmstadt finden sich auf der „Ideenkarte für Darmstadt“, die im Rahmen des s:ne-Projekts zu interaktiven Wärmenetzen entstanden ist. Daraus stellte Harald Meyer von der Hochschule Darmstadt (Wissenschaftlicher Mitarbeiter h_da, Forschungsgruppe sofia) zwei konkrete Vorschläge für ungenutzte Potentiale zur Dritteinspeisung in die Wärmenetze in Darmstadt vor: Zusätzliche Wärmeerzeuger im Wärmenetz könnten beispielsweise die Spitzenlast in Wärme-Netzen abdecken und so die Gesamtkapazität deutlich erhöhen. Sie treten dann sowohl als Wärme-Abnehmer (Konsument) als auch zu bestimmten Zeiten als Wärme-Bereitsteller (Produzent) auf; im Netz wären sie damit „Wärme-Prosumer“. Eines der Beispiele zeigte, wie ein Notstromaggregat eines Krankenhauses als ein zusätzlicher Wärmeerzeuger in ein Wärmenetz eingebunden werden kann.

Das zweite Beispiel der Ideenkarte illustrierte am Beispiel des Staatstheaters und eines Speichers am Marienplatz, wie mögliche Niedertemperaturnetze miteinander gekoppelt im Stadtgebiet entstehen könnten. In der späteren Diskussionsrunde kamen dann anhand der Karte auch andere Wärme-Prosuming-Beispiele in der Stadt zur Sprache.

Impuls 3: Kommunale Wärmeplanung in Hessen

Heike Böhler, Projektleitung Energiekonzepte und Contracting bei der hessischen Landesenergieagentur (LEA), machte im dritten Impulsvortrag auf die Bedeutung der kommunalen Wärmeplanung in Hessen und auf das zeitgleich im hessischen Landtag verabschiedete neue Energiegesetz aufmerksam. Es verpflichtet die Kommunen, Wärmepläne aufzustellen. Vom Großen in das Kleine – Frau Böhler erklärte, wie sich aus der Gesamtplanung (Kommunaler Wärmeplan) konkrete Umbaumaßnahmen für Wärmenetze entwickeln. Sie zeigte auf, welche Unterstützungsangebote die LEA Hessen bereithält.

Intensiver Austausch an den Inseltischen

Nach den Vorträgen versammelten sich die Teilnehmenden zur Diskussion an den Inseltischen: interessierte Bürger*innen, Fraktionsvertreter*innen und Vertreter*innen aus den Kommunen im Umkreis behandelten eine Vielzahl an Themen, äußerten Fragen und äußerten aber auch Bedenken. Besonders Möglichkeiten zur Anschlussherstellung an das Wärmenetz waren vielen Teilnehmenden ein Anliegen.

Abbildung 4: Inseltischdiskussionen (Quelle: Schader-Stiftung)

Geothermie, Solarthermie, Wärme aus dem Abwasser und Eisspeicher – die Expert*innen erklärten den Interessierten, welche Einsatzmöglichkeiten sich für die verschiedenen Technologien bieten. „Technologien gibt es viele, sie haben alle aber auch ihre Vor- und Nachteile…“ so Herr Krein (Bereichsleiter Projektierung, Entega AG).

Manche Teilnehmenden fragten konkret zur möglichen Anbindung an die Fernwärmenetze im Johannesviertel, Mollerstadt und Martinsviertel. Die Vertreter der Entega AG erklärten, es gäbe die Möglichkeit weitere Gebäude an das Netz anzuschließen. Dabei spielt die künftige Wärmeleitplanung eine zentrale Rolle, denn sie dürfte erstmals Prioritäten für bestimmte Gebiete beinhalten.

Schlussrunde: Weitere Perspektiven

Prof. Führ fasste die Ergebnisse der Inseltischdiskussionen gemeinsam mit ausgewählten Vertreter*innen der Inseltische zusammen. Die Themenpaten und -patinnen berichteten unter anderem, dass eine Bildung von Allianzen unter den Bürger*innen in den Quartieren ein vielversprechender Ansatz sei. Hier kann die Stadt die Bürger*innen dabei unterstützen, indem sie öffentliche Informations- und Netzwerk-Veranstaltungen organisiert. Gemeinschaftliches Handeln in Kooperation mit anderen Akteuren eröffnet neue Möglichkeitsräume – so lassen sich die Bestrebungen der Bürgerschaft kanalisieren und „gebündelt“ auf konkrete Lösungsansätze zur Wärmeversorgung in den Quartieren lenken.

Auf die Frage eines Teilnehmenden in der Abschlussdiskussion, warum Erdgas nach wie vor auch vom städtischen Energieversorger als klimafreundliche Option angeboten wird, gab es keine eindeutige Antwort. Die Nachfrage der Kund*innen bestimme das Angebot auf dem Energiemarkt, lautete die Aussage vom Entega-Vertreter. Falls man als einzelnes Unternehmen kein Erdgas mehr anbiete, werde ein anderer Lieferant den Kunden einfach übernehmen. Dem widersprach Dr. Silke Kleihauer (Gesamtprojektleitung s:ne): sie ging vergleichbaren Problematiken im s:ne-Vorhaben in den letzten Jahren in zahlreichen wissenschaftlichen Analysen nach und kam zu der Erkenntnis, dass nicht allein die Verbraucher und ihre Nachfrage für eine „Systemtransformation“ verantwortlich sein können. Notwendig sei der Mut, den Veränderungsprozess gemeinsam anzugehen – mit allen daran beteiligten Akteuren. So ließe sich auch das vorhandene Energieangebot schrittweise an die Erfordernisse einer nachhaltigeren Wärmeversorgung anpassen. Der Applaus machte deutlich, dass diese Einschätzung auf große Zustimmung der Anwesenden trifft.

Bei Getränken und Sandwiches bestand anschließend Gelegenheit, den Austausch in kleinem Kreise weiter zu vertiefen.

Weitere Informationen zur Veranstaltung und die Aufzeichnungen finden sich auf der Website und dem YouTube-Kanal der Schader-Stiftung.

Autor*innen: Alina Anapyanova und Harald Meyer, wissenschaftliche Mitarbeitende der h_da, Forschungsgruppe sofia

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