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Chemie in Alltagsprodukten? Das Bürgerpanel hat nachgefragt

In unseren europäischen Haushalten befinden sich durchschnittlich 10.000 Dinge – Möbel, Kleidung, Bücher, Spielzeug… Aber wissen wir auch, was in diesen Alltagsprodukten steckt?

Eine Befragung des Bürgerpanels aus dem Projekt Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung (s:ne) der Hochschule Darmstadt hat sich dieser Frage gewidmet – mit einem besonderen Fokus auf Produkte aus Leder. Die Forschenden wollten dabei u.a. herausfinden: Kaufen die Bürger*innen aus Darmstadt und Umgebung Leder- und Kunstlederprodukte? Machen sie sich Gedanken über darin enthaltene Chemikalien? Wissen sie, woran sie umwelt- und gesundheitsverträgliche Produkte erkennen können?

Echtes Leder oder Kunstleder?

Die Befragungsergebnisse zeigen, dass ein Großteil der Teilnehmenden (76%) Produkte aus Leder kauft. Das verbleibende Viertel begründet den Verzicht auf solche Produkte vor allem mit dem Tierwohl. Eine Teilnehmerin argumentiert: „Weil Tiere dafür leiden und sterben. Des Weiteren finde ich die Vorstellung eklig, tote Haut zu tragen.“ Die zweithäufigste Begründung gegen den Kauf von Lederprodukten war ein zu hoher Preis. Außerdem wiesen die Teilnehmenden darauf hin, dass die Entscheidung für oder gegen den Kauf von Leder stark vom jeweiligen Produkt abhängig ist. Vor allem bei Schuhen wird häufig zu Leder gegriffen. Produkte aus Kunstleder kaufte etwa die Hälfte (49%) der Teilnehmenden. Als häufigsten Grund gegen den Kauf von Kunstlederprodukten nannten die Teilnehmenden ein generell fehlendes Gefallen („entsprechen nicht dem persönlichen Geschmack“), das Aussehen („sehen oft billig aus“), das Trage- bzw. Sitzgefühl („fühlen sich oft unangenehm an“) oder den Geruch („haben einen chemischen Geruch“). Außerdem bemängelten sie eine geringe Haltbarkeit und Unnatürlichkeit von Kunstlederprodukten. Erwähnt wurden außerdem andere Alternativen, z.B. aus Kork, Blättern oder Kunstfasern.

Insgesamt zeigte sich: Leder wird von den Teilnehmenden der Befragung als eher natürlich, hochwertig und widerstandsfähig wahrgenommen, während Kunstleder als eher künstlich, günstig und minderwertig gesehen wird. Allerdings liegt Kunstleder gegenüber Leder bei der Modernität sowie in puncto Moral vorn.

Chemikalien in Lederprodukten

Aber wie natürlich ist Leder denn eigentlich? Dazu wollten die Forschenden von den Teilnehmenden wissen, wie gut sie sich mit der Herstellung von Lederprodukten auskennen. Dass zur Herstellung von Leder immer Chemikalien eingesetzt werden, war den meisten bekannt. Deutlich seltener wussten die Teilnehmenden hingegen, dass auch „echtes Leder“ nicht immer ohne Kunststoffbestandteil ist.

Nur: Wissen ist nicht gleich Handeln. Zwar war den Befragten durchschnittlich bereits bewusst, dass die herkömmliche Lederherstellung mit Problemen für Umwelt und Gesundheit verbunden ist. Auch sahen sich die Teilnehmenden bei ihrer Produktwahl ein Stück weit in der Verantwortung, sich für Umwelt- und Gesundheitsschutz zu entscheiden. Allerdings wurde eine Schwierigkeit dabei besonders deutlich: Häufig wussten die Teilnehmenden gar nicht, ob ein Lederprodukt umwelt- und gesundheitsverträglich hergestellt wurde, also woran solche Produkte zu erkennen sind, und wo sie diese kaufen können.

Umweltlabels nicht alle bekannt

Zum Glück ist Abhilfe in Sicht: Die Zertifizierung durch Umweltlabels gibt Hinweise auf die Herstellung z.B. von Lederprodukten und Textilien. Dabei war der Blaue Engel den Teilnehmenden am geläufigsten, gefolgt vom OEKO-TEX Standard 100. Der vergleichsweise neue Grüne Knopf und das  GOTS-Label waren noch gut 15% der Befragten bekannt. Die spezifischen Labels zur Zertifizierung von Leder des IVN (Internationaler Verband der Naturtextilwirtschaft e.V.) und den OEKO-TEX Leather Standard kannten die Teilnehmenden bisher hingegen kaum. Hier können Informationskampagnen ansetzen.               

Scan4Chem-App für mehr Transparenz

Außerdem verspricht eine App Unterstützung bei einer umweltbewussten Kaufentscheidung: die Scan4Chem-App, die in einem EU-Projekt von der Hochschule Darmstadt gemeinsam mit Behörden, NGOs und IT-Dienstleistern entwickelt wurde. Mithilfe der frei verfügbaren App können Verbraucherinnen und Verbraucher Informationen über umwelt- und gesundheitsschädliche Chemikalien in Produkten (z.B. Bekleidung, Möbel, Elektronikgeräte) bekommen. Obwohl die App unter den Teilnehmenden bisher noch eher unbekannt war, sahen zwei Drittel (68%) die App als extrem hilfreich oder hilfreich an. Knapp die Hälfte (45%) könnte sich außerdem vorstellen, die App selbst zu nutzen. Dabei wünschten sich die Teilnehmenden v.a. eine Suchfunktion für Produkte, die die von Behörden vergebenen Labels tragen, eine Empfehlung von Produktalternativen und Informationen zu Inhaltsstoffen.

Mithilfe dieser Erkenntnisse wollen Wissenschaftler*innen der Hochschule Darmstadt, gemeinsam mit Projektpartnern und weiteren Akteuren in der Region einen nachhaltigeren Einsatz von Chemikalien in der Lieferkette von Lederprodukten fördern. Das Ziel: Eine nachhaltige Produktion und informierte Konsumentscheidungen!

Neugierig?

Hier geht es zu einer ausführlicheren Darstellung der Befragungsergebnisse. Im Blog gibt es zudem weitere spannende Infos zum Thema „Mit echtem Leder in Richtung einer nachhaltigen Entwicklung“.

Die nächste Befragung des Bürgerpanels ist bereits in Planung. Zum Thema „Innovative Nahmobilität“ sind auch ab Ende November wieder die Meinungen der Bürger*innen aus Darmstadt und Umgebung gefragt. Interessierte können sich schon jetzt auf https://buergerpanel.h-da.de registrieren und erhalten dann einen Online-Fragebogen.

Hintergrund: Das Bürgerpanel der Hochschule Darmstadt befragt Bürgerinnen und Bürger aus Darmstadt und Umgebung regelmäßig zu Ideen, die den Alltag der Menschen verbessern und die Nachhaltige Entwicklung in der Region voranbringen können. Es ist Teil des Projekts „Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung“ (s:ne) der h_da, das vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und dem Land Hessen im Rahmen der Förderlinie „Innovative Hochschule“ gefördert wird. In s:ne entwickeln Forschende gemeinsam mit Akteuren aus Wirtschaft, Gesellschaft, Wissenschaft und Verwaltung neue Innovationen. Die Ergebnisse der Bürgerpanel-Befragungen fließen in die Entstehung und Umsetzung dieser Initiativen ein. Weitere Informationen zu s:ne: https://sne.h-da.de/.

Autorin: Helena Müller, Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt s:ne

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