0 In Ein- & Ausblicke

S4F: Ein Blick hinter die Kulissen

S4F Logo

Ein Jahr nach der Veranstaltungsreihe von Scientists for Future (S4F) zu Klimaveränderungen in der Darmstädter Paulskirche sind wir im Dialog mit Prof. Dr. Sven Linow, Professor für Thermodynamik und Umwelttechnik an der Hochschule Darmstadt und Mitglied bei S4F. Wiederholt werden konnte die Diskussionsreihe in diesem Jahr leider nicht, denn die Welt steht coronabedingt kopf. Corona hin oder her – die Arbeit von S4F stoppt genauso wenig wie der Klimawandel.

Prof. Dr. Sven Linow

S4F trägt die wissenschaftliche Stimme zu Umweltthemen in die Gesellschaft. Dabei stellt die Organisation keine Forderungen, sondern spricht Empfehlungen aus wissenschaftlicher Sicht aus. Organisiert ist S4F dezentral, in verschiedenen Regionalgruppen. Im nachfolgenden Interview mit Prof. Dr. Sven Linow kann tiefer in die Welt von S4F eingetaucht werden:

Herr Linow, seit wann sind Sie bei S4F aktiv und was sind Ihre Beweggründe?

Ich bin seit Juni 2019 ein Teil von S4F. Wir sind damals als Gruppe von S4F-Interessierten zum Plenum nach Frankfurt gefahren. Auf dem Rückweg haben wir beschlossen, dass wir genug Wissenschaftler*innen für eine eigene S4F Ortsgruppe in Darmstadt sind. S4F Darmstadt existiert mittlerweile circa 1,5 Jahre und läuft gut.

Für S4F habe ich mich entschieden, weil das eine Organisation ist, in der ich als Wissenschaftler gut meine Kompetenzen einbringen kann. Mit Beginn der Fridays for Future (F4F) Diskussionen und stimmen aus der Politik wie „ach, die Kinder haben ja keine Ahnung“ oder „das Problem gibt es doch gar nicht“ war für mich klar: so geht das nicht weiter. Es ist meine Aufgabe, hier an der Hochschule, jungen Menschen eine Zukunft zu bauen – und dafür müssen natürlich auch ihre zukünftigen Lebensbedingungen stimmen.

In welchem Zusammenhang stehen S4F und die Hochschule Darmstadt?

Eine Reihe von Kollegen, die bei der Initiative für Nachhaltige Entwicklung (i:ne) in der Hochschule aktiv sind, wirken an Projekten von S4F mit. Zum Beispiel an der Stellungnahme zum integrierten Klimaschutzplan Hessen, eines unserer jüngsten Projekte, hat Prof. Dr. Axel Wolfermann von der h_da mitgearbeitet. Eine eigene offizielle Gruppe haben wir an der Hochschule nicht. Die Verbindung von S4F in die h_da besteht daher vor allem über die i:ne.

An welchen Projekten arbeitet S4F aktuell?

Eines unserer Projekte in der Ortsgruppe Darmstadt ist es, an Schulen zu treten und junge Menschen für die Wissenschaft der Zukunft zu begeistern. Das ist schwieriger, als man so denken mag. Oft merken wir, dass das Klimathema und S4F keinen ausreichenden Platz im Schulalltag finden.

Außerdem sind wir noch Teil des Klimaschutzbeirates von Darmstadt. Erfreulicherweise sind wir für die Stadt Darmstadt und Stadträtin Barbara Akdeniz (Bü90/Die Grünen) ein wichtiger Teil des Beirates. Und wenn gerade kein Corona ist, planen wir selber Veranstaltungen oder unterstützen die Events von Fridays, Parents oder People for Future. 

Auch auf Bundesebene passiert einiges: so wurden in den letzten Monaten demokratische tragfähige Strukturen aufgebaut. Ausgehend vom „Beirat“ versuchen wir, den Konsens der Wissenschaft in Statements zu packen. Spannend bei dieser Arbeit ist, dass man an einigen Stellen offene Türen einläuft. Agrarpolitik ist seit langem ein schwieriges Thema, bei dem soziale und ökologische Belange oft unberücksichtigt bleiben. S4F hat ein Statement zur gemeinsamen Agrarpolitik der EU abgegeben – und das zur Freude der Kommission, die sich für die Unterstützung bedankt hat.

Welche Auswirkungen ergeben sich für die Arbeit von S4F durch die Coronakrise?

Aktuell ist es sehr schwierig, an die Öffentlichkeit zu kommen. Auf der einen Seite können derzeit keine Veranstaltungen mit mehreren Menschen stattfinden. Auch an Schulen kommen wir in Zeiten von Corona nahezu nicht heran. Auf der anderen Seite ist die Presse in erster Linie dominiert durch Corona und in zweiter Linie durch den US-Präsidentschaftswechsel. Ich könnte mir vorstellen, dass nach Corona dann das Wachstumsthema sehr präsent sein wird. Die Kanäle sind im Moment voll und es ist sehr schwierig, die Leute zu erreichen. Aktuell fokussieren wir uns daher auf Statements und Veröffentlichungen.

Abgesehen von Corona ist die Fakenews-Problematik eine große Herausforderung, gegen die wir immer wieder ankämpfen. Viele meinen, zu allem alles zu wissen und wir alle freuen uns über diese ganz einfachen Erklärungen. Wir müssen es schaffen, dass Leute zunächst abwägen, ob sie sich wirklich so gut mit Themen auskennen wie Wissenschaftler*innen oder Praktiker*innen, die fundiertes Wissen und jahrelange Erfahrung haben. Wir versuchen mit unserer Arbeit die Zweifel an den einfachen Erklärungen zu verbreiten und fundiertes Wissen in die Gesellschaft zu tragen.

Trotz Corona steht die S4F nicht still. Ein aktuelles Projekt von S4F ist die Bewertung des integrierten Klimaschutzplans des Landes Hessen. Können Sie kurz zusammenfassen, worum es in dem Klimaschutzplan geht?

Das Land Hessen hat 2015 bis 2017 ausgehend vom Pariser Klimaabkommen einen ersten integrierten Klimaschutzplan entwickelt. Dieser wurde mithilfe von Bürgerbeteiligungsprozessen und verschiedenen Verbänden aufgestellt. Er soll jetzt bis 2022 fortgeschrieben werden.

S4F Hessen hat im letzten August angefangen sich mit dem bestehenden hessischen Klimaschutzplan von 2017 kritisch auseinanderzusetzen und diesen zu bewerten. In einem konsensbasierten Prozess mit insgesamt sieben bis acht Entwürfen haben die Autor*innen mit Unterstützung weiterer S4Fs die finale Stellungnahme verfasst und Mitte Januar 2021 veröffentlicht.   

Wie beurteilt S4F den integrierten Klimaschutzplan des Landes Hessen? Was ist bereits gut und wo sehen Sie noch Verbesserungspotenzial?

Grundsätzlich verstehen die Mitarbeiter*innen der Landesbehörden das Klimaproblem und wissen auch, was zur Bekämpfung getan werden muss. Allerdings bildet der Klimaschutzplan das nicht ab. In unserer Analyse kritisieren wir grundlegend die politischen Annahmen, die Umweltministerin Priska Hinz (Bü90/Die Grünen) und Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) im Vorwort beschreiben. Ausgehend vom Wachstumsnarrativ und unter der Maßgabe, dass „freiwillige Lösungen staatlichen Vorgaben stets vorzuziehen sind“ sowie der Festlegung, dass Wirtschaft und Kommunen die wesentlichen Akteure für den Klimaschutz seien, bleibt kaum Gestaltungsraum für das Land übrig. Der Eindruck entsteht, dass sich das Land so aus der Verantwortung zieht und weder Klimaschutz noch Klimaanpassung aktiv gestalten möchte.

Darauf aufbauend beschreiben die hessischen Behörden im Plan verschiedene Ansatzpunkte für Klimaschutz und fokussieren sich dabei vor allem auf Informationsvermittlung und -austausch z. B. in Form von Round-Tables. Es gibt keinerlei konkrete Zielvorgaben zur Minderung oder definierte Deadlines im integrierten Klimaschutzplan. Und das ist eigentlich verwunderlich, denn obwohl in der Einleitung auf eine starke Wirtschaft plädiert wird, werden zentrale wirtschaftliche Erfolgselemente, wie die Definition von SMARTen-Zielen im Klimaschutzplan außer Acht gelassen. Darüber sind auch Mitarbeiter der Landesbehörden frustriert, wie wir aus persönlichen Gesprächen erfahren.

Unsere Kernkritik des Klimaschutzplans liegt also zum einen in den getroffenen Annahmen und zum anderen in den fehlenden quantifizierten Zielen. Das Problem: Die Zeit drängt! Wir brauchen klare, messbare Ziele um zu handeln. In diesem Prozess sollte die Landesregierung mit gutem Beispiel vorangehen und durch entsprechende Planungs-Werkzeuge oder Gesetze den Weg ebnen.

Die ausführliche Stellungnahme von S4F zum integrierten Klimaschutzplans des Landes Hessen befindet sich unter https://zenodo.org/record/4420166.

Was passiert mit dem Statement zum Klimaschutzplan?

Das Statement zum hessischen Klimaschutzplan wurde an alle hessischen Landesministerien und alle Landtagsfraktionen versendet. Weiter haben wir eine Pressemeldung über unseren umfangreichen Presseverteiler verschickt.

Von Seiten der Presse gab es bislang keine Rückmeldung. Aus der Politik haben sich neben dem Hessischen Umweltministerium zwei Fraktionen zurückgemeldet, mit denen wir hoffentlich jetzt ins Gespräch kommen. Mit dem Umweltministerium sind wir bereits in gutem Kontakt. Das Ministerium ist sich der Schwächen des ersten Klimaschutzplanes bewusst und wird den neuen Plan mit konkreten Zielen aufsetzen. Wir von S4F Hessen werden diesen Prozess begleiten und wollen die Maßnahmenpakete aus wissenschaftlicher Perspektive bewerten. Wichtig ist uns vor allem Türen zu öffnen und mit den Wissenschaftler*innen innerhalb der Behörden in guten Kontakt zu kommen.

Ein weiteres erfolgreiches Projekt war die Petition zum Klima-Bürger*innenrat. Was steckt hinter der Petition und was ist das Ergebnis?

Die Idee der Bürger*innenräte stammt ursprünglich von der Bundesregierung. Ziel eines Bürger*innenrates ist es, in einer möglichst repräsentativen Gruppe von Bürger*innen schwierige Probleme zu diskutieren und Input von Außen einzuholen. Das soll letztendlich der Politik helfen, einen besseren Einblick in die Meinungen der Bevölkerung zu bekommen. Für Politiker*innen ist es aufgrund der Vielzahl an „Troll“-Nachrichten, die sie täglich erreichen, teilweise schwierig einen klaren Blick dafür zu haben, was die Bürger*innen wirklich denken.

Die Bundesregierung hat als Themenfeld für Bürger*innenräte „Deutschlands Rolle in der Welt“ gestartet. Und das ist gut, aber es gibt definitiv dringendere Probleme. Aus diesem Grund hat S4F eine Petition zum Klima-Bürger*innenrat angestoßen. Die Petition hatte zuletzt ziemlich an Fahrt aufgenommen und das Quorum erreicht – jetzt sind wir gespannt.

Abschließend noch ein Blick in die Zukunft: Was denken Sie, hat S4F bis 2030 bewegt?

Im besten Fall sind wir 2030 dabei, die Energiewende weiter zu gestalten und zu vollenden. Und als Gesellschaft reden wir darüber, was als nächstes kommt: Wie leben wir miteinander? Wie schaffen wir es, in einer solidarischen Gesellschaft zu leben, die auch die Zukunft in ihre Solidarität mit einbezieht? Wir sollten 2030 also im großen Umbau sein – was auch immer das genau heißt.

Prof. Dr. Sven Linow und S4F machen deutlich: es muss noch viel passieren! Die Zukunft unseres Planeten, also unserer Lebensgrundlage, ist ungewiss. Gemeinsam können wir uns für unsere Erde starkmachen und Klimaschutz aktiv mitgestalten. Abschließend bleibt noch zu sagen: Daumen drücken und mitwirken!

Das könnte dich auch interessieren

Keine Kommentare

Hinterlasse eine Antwort