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Das tF-Symposium 2020 als Lernreise

tF-Symposium 2020
Quelle: Schader-Stiftung

Etwa ein halbes Jahr später als ursprünglich geplant, fand das tF-Symposium im Rahmen des Vorhabens Systeminnovation für Nachhaltige Entwicklung (s:ne) im hybriden Format statt. Neben 35 Teilnehmenden im Schader-Forum nahmen rund 100 online teil. Dabei wurden die digitalen Möglichkeiten, Fragen und Kommentare schriftlich im Chat zu äußern oder sich direkt per Kamera dazu zuschalten, rege genutzt.

Im Fokus des Symposiums stand, wie in jedem Jahr, eine Fragestellung aus der praktischen Anwendung in Forschungsprojekten, die darauf abzielen, Veränderungsprozesse in Richtung einer Nachhaltigen Entwicklung zu befördern und dafür gemeinsam mit Akteuren aus Wirtschaft, Politik und Gesellschaft aus konkreten gesellschaftlichen Problemstellungen nach Lösungsmöglichkeiten suchen.

Auf dem tF-Sympsoium 2020 Stand vor diesem Hintergrund die Frage im Mittelpunkt, wie es gelingt, in transformativen Forschungs-und Transfervorhaben die jeweiligen Ziele Nachhaltiger Entwicklung zu formulieren, fortlaufend im Blick zu halten und diese mit Indikatoren zu hinterlegen. Der Einladungstext formulierte ergänzend weitere Fragen:

  • Wie lassen sich Ziele definieren (auch wie konkret/abstrakt)?
    Wie flexibel sind diese?
  • Wie sind Projekt-Prozesse zu gestalten, um bei den Beteiligten die Bereitschaft zu wecken und zu erhalten, ihre Beiträge an den gemeinsam formulierten Zielen auszurichten?
  • Was sind die für die Zielerreichung passenden Indikatoren und Feedback-Mechanismen?
  • Welche Prozesse, Methoden und Rahmenwerke zur Indikatorenauswahl sind geeignet?
  • Wie ist mit Zielkonflikten umzugehen?
  • Welche Lernprozesse haben zu den vorgenannten Punkten stattgefunden?

Das Symposium thematisierte die hierzu in der Praxis gewonnenen Erfahrungen, wollte aber auch neue Ansätze beleuchten. Die Beteiligten hatten hierfür im Plenum und in den Arbeitsgruppen die Möglichkeit, die eigenen Erfahrungen in Beziehung zu setzen zu den Ansätzen in anderen Projekten und Prozessen. Dabei dürften die Lernerfahrungen jeweils unterschiedlich ausgefallen sein. Versteht man das tf-Symposium in diesem Sinne als „Lernreise“ für alle Beteiligten, so sind aus Sicht der Innovations- und Transformationsplattform (ITP), dem Herzstück des Vorhabens s:ne, folgende Erkenntnisse und Einsichten von besonderer Bedeutung.

(1) Die Agenda 2030 der Vereinten Nationen gibt uns mit den Sustainable Development Goals (SDGs) eine wertvolle normative Orientierung. Sie stützen sich auf den „Rio-Prozess“, dessen programmatische Ausrichtung schon im Titel zum Ausdruck kommt: „United Nations Conference on Environment and Development“ (UNCED). Die besondere Leistung besteht darin, in Anknüpfung an den Brundtland-Bericht einerseits
die planetaren Begrenzungen als solche anzuerkennen und dies andererseits mit der Notwendigkeit zu verknüpfen, eine Vielzahl unterschiedlicher Entwicklungsprozesse einzuleiten (kondensiert in der Rio-Deklaration und ausformuliert in der „Agenda 21“). Hinzu kamen in der Folge weitere UN-Aktivitäten, etwa die ebenfalls auf globale Gerechtigkeit ausgerichteten Milleniums-Ziele. Entscheidend für das Verständnis des in den SDGs versammelten Zielbündels ist aber, die jeweiligen primären Adressaten der Einzelziele nicht aus den Augen zu verlieren. Lässt man diese außer Acht, kann dies nicht nur zu Fehlinterpretationen führen. Es droht vielmehr auch die Gefahr, dass die SDGs an normativer Prägekraft verlieren. Denn es ist kaum eine Maßnahme vorstellbar – sei sie staatlich, zivilgesellschaftlich oder betrieblich veranlasst –, für die sich nicht in irgendeinerweise ein Bezug zu den Gemeinwohlzielen der SDGs herstellen lässt. In diesem Kontext ist die aus der Perspektive der Bioökonomie formulierte Aussage von Uwe Fritsche (IINAS – Internationales Institut für Nachhaltigkeitsanalysen und -strategien) von zentraler Bedeutung: Biosphäre ist das tragende System und die damit verbundenen SDGs stehen in ihrer Wertig- und Dringlichkeit nicht auf einer Stufe mit anderen Zielen. Entscheidend ist daher, das „Drei-Säulen-Denken“ zu überwinden und zu einem integrierten Verständnis fortzuentwickeln. Zu dem – noch immer von manchen Protagonisten verbreiteten – Verständnis, Ökonomie, Soziales und Umwelt stünden „gleichberechtigt“ nebeneinander, formulierte Uwe Fritsche: „Das ist schlichtweg nicht wahr“. Er betonte, dass Gesellschaft und Ökonomie vielfältig miteinander verwoben seien und Kultur und Kunst hierbei eine wichtige Rolle spielten. Dies sei bisher stark unterbelichtet. Denn viele der Innovationen, die wir bräuchten, um eine Transformation zu erreichen, seien gesellschaftliche und kulturelle Innovationen und Praktiken. Dies sei auch bei der Wahl der Indikatoren zu berücksichtigen. Die Diskussion zeigte zudem, dass der gesellschaftliche Kontext, zu dem neben den kulturellen Prägungen insbesondere auch die rechtlichen Rahmenbedingungen und die dadurch geprägten Marktbeziehungen zählen, für ein intergriertes Verständnis der SDGs und der deraus resultierenden Handlungsimpulse entscheidend ist.

(2) Die SDGs vermitteln keine unzweideutige Wegbeschreibung. Vielmehr sind Zielkonflikte und Wechelwirkungen untrennbar mit den Herausforderungen einer Nachhaltigen Entwicklung verknüpft. Umso wichtiger ist es, die problemverursachenden Akteure mit „ins Boot“ zu holen und verschiedene Sichtweisen zu integrieren. Insofern benötig man Austauschformate, die verschiedene Perspektiven und Wissensbestände zusammenführen. Und dies in einer Weise, die es erlaubt, inhaltlich und persönlich zueinander zu finden, um kreativ nach vorne zu denken. Die Kunst besteht dabei darin, einerseits ein gemeinsames Zielverständnis zu schaffen (und dafür dann geeignete Indikatoren zu entwickeln), andererseits aber auch sensibel für Unstimmigkeiten zu bleiben (Zitat Till Jenssen, ehem. Verband Region Stuttgart: „Obwohl die Einschätzungen zu Beginn des Prozesses teilweise sehr stark voneinander abwichen, konnte – durch intensive Gruppendiskussionen – letztlich in den meisten Fällen eine konsensuale Einigung erzielt werden.“).

Für den Erfolg entscheidend ist es, eine von allen Beteiligten geteilte Vision zu entwickeln. Hier können Szenariotechnik (S. 42 ff.) und Theory of Change eine wesentliche Rolle spielen, wie übereinstimmend die Vorträge von Sabine Hoffmann und Lisa Deutsch (Eawag / Swiss Federal Institute of Aquatic Science and Technology), Julian Schenten und Jonas Rehn (Hochschule Darmstadt) sowie Till Jenssen (ehem. Verband Region Stuttgart) zeigen.

  • Jonas Rehn und Julian Schenten ebenso wie Till Jenssen zeigten, dass die gemeinsam unternommene Anstrengung hin zu konsistenten Szenarien wesentlich ist, weil die Gruppe damit eine Zielvorstellung gewinnt, auf die sie später immer wieder zurückkommen kann, wenn im Alltagsgeschäft droht, die Ziele aus den Augen zu verlieren.
  • Till Jenssen entwickelte die Szenarien von Anfang an mit Blick auf die Indikatoren, um geplante Maßnahmen in ihrer Wechselwirkung in ihrer Zielerreichung bewerten zu können. Allerdings ging es in seinem Fallbeispiel nicht darum, mit Praxisakteuren aus der Zielorientierung Gestaltungsoptionen zu entwickeln und zu konkretisieren.
  • In einer Kombination aus Szenariotechnik und Theory of Change – siehe dazu das Transferprojekt der h_da zu „Nachhaltigerer Chemie entlang der Lederlieferketten“ – sowie einem Blick auf prospektive Indikatoren kann es gelingen, in transformativen Forschungs- und Transfervorhaben über konsistente Szenarien und einer gemeinsam formulierten Theory of Change die jeweiligen Ziele Nachhaltiger Entwicklung zu formulieren, fortlaufend im Blick zu halten und dies mit Indikatoren zu hinterlegen. Über ein solches Verfahren
    • lassen sich konkrete Ziele definieren,
    • kann man bei den Beteiligten die Bereitschaft wecken und erhalten, ihre Beiträge an den gemeinsam formulierten Zielen auszurichten, und
    • ist es schließlich auch möglich, Indikatoren zu konkretisieren.

Die Frage, wie man unterschiedliche Akteure mit ins Boot holt, läßt sich exemplarisch vielleicht am Projekt Grüne Finger veranschaulichen. Henrik Schultz und Hubertus von Dressler (Hochschule Osnabrück) formulieren bilanzierend: „Ein nicht zu unterschätzender Effekt des Prozesses ist, dass sich transdisziplinäre Gruppen formen, die Schritt für Schritt Vertrauen zueinander aufbauen, auch wenn man sich inhaltlich nicht immer einig ist. Diese „starken Gruppen“ relevanter Akteure sind das Fundament für teils schwierige Prozesse der Meinungsbildung und Verhandlung zur Zukunft der Grünen Finger.“ Die Schlüsselpersonen entstammen dabei u. a. folgenden Gruppen: Politik, Landwirtschaft und Vereinsvertreter*innen. Diese „begleiten das Projekt mit Kritik, Ideen und vor allem mit wachsendem Engagement für die Ziele des Projektes. So kann Schritt für Schritt eine Kultur des gemeinsamen Experimentierens, Forschens und Lernens wachsen“.

(3) Festzuhalten bleibt gleichwohl, dass auch nach dem Symposium noch Klärungsbedarf zu Gegenstand und Funktion von Indikatoren besteht:

  • Dabei empfiehlt es sich, zwischen prozeduralen und materiellen Indikatoren zu unterscheiden. Dies gilt sowohl für die transformative Forschung selbst als auch für deren mittel- und langfristigen Beitrag („impact“) zu den SDGs.
  • Dies bedeutet zugleich, konkreter und differenzierter über Ziele zu sprechen und die unterschiedlichen Ebenen auseinander zu halten. Hierzu steht eine Systematisierung noch aus. Oder in den Worten von Kilian Bizer in der Abschlussrunde: „Aus meiner Sicht haben wir das Thema Indikatoren jedenfalls noch nicht gelöst. Das ist vermutlich eine Daueraufgabe. Es wurde letztlich viel über prozedurale Indikatoren, also Rezepte gesprochen, aber bei den materiellen Indikatoren, die so ein bisschen Richtungssicherheit geben sollten, haben wir auch einiges gehört, aber diesbezüglich (…) ist unser eigenes Lastenheft noch fort[zu]schreiben.“

(4) Die weitere Diskussion könnte dabei anknüpfen an folgende Impulse aus dem Symposium:

  • Geeignete Indikatoren zu definieren und die jeweilige Kenngrößen kontinuierlich zu erheben, ist eine anspruchsvolle und mühsame Aufgabe. Aber, so Uwe Fritsche, „wir brauchen Messgrößen, damit wir Ziele (wie weit sind wir auf dem richtigen Weg?) messen können.“ Da wir dabei selten unmittelbar Wirkungen, wie z. B. veränderte Kohlenstoffkonzentrationen im Boden messen können, sind transdisziplinäre Prozesse darauf angewiesen, komplementäre Messgrößen zu entwickeln, sogenannte „Proxys“. Solche „Hilfs-Größen“ bilden zwar die Änderung nicht selbst ab; sie sind aber indirekt aussagekräftig. Beim Beispiel bleibend, kann man auch über die Formen der Bodenbearbeitung Rückschlüsse auf die Kohlenstoffbindung im Boden ziehen, so Uwe Fritsche.
  • Im Konzept der Theory of Change ist der Prozess der Indikatorenentwicklung systematisch angelegt. Hier gilt es, weitere Erfahrungen zu sammeln. Ein Ergebnis des Symposiums war es daher, dass eine Gruppe von Interessierten sich zusammengefunden hat, um dem weiter nachzugehen. Im Rahmen der „Darmstädter Tage der Transformation“ findet dazu am 19. März 2021 ein erster Workshop statt.

Wie in der Wissenschaft generell, ist auch in der transformativen Forschung die Lernreise niemals abgeschlossen. Alle Beteiligten müssen daher für sich selbst entscheiden, was sie aus dem Symposium und dessen Dokumentation für das jeweils nächste Projekt mitnehmen. Damit ist zugleich die Einladung verbunden, die gemeinsamen Lernprozesse in dem folgenden tF-Symposium weiter fortzusetzen.

Ein Beitrag von Dr. Silke Kleihauer, Wissenschaftliche Projektleitung s:ne

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